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Veröffentlicht von Dennis Kallerhoff

Rückblick auf die K5 Berlin – wirklich Future Retail?


Für einen kurzen Moment war ich skeptisch. Das Licht geht aus und auf der Leinwand kündigt ein fancy Introfilm den nächsten Speaker an – mit Bild und moderner Font. Begleitet wird das Ganze von einer Lichtshow, die so manche Dorfdisko neidisch macht. Ist das noch die K5 – DIE E-Commerce Konferenz – oder bin ich falsch abgebogen?

Nach zwei vollen Tagen kann ich sagen: es war die K5 und sie ist immer noch eine hochrelevante E-Commerce Konferenz.

K5 – Party auf der großen E-Commerce Bühne

Die K5 ist die Hauptkonferenz der K5 Group, entstanden rund um das Blog Exciting Commerce und Jochen Krisch. Aus der kleinen Konferenz, damals noch die Live Shopping Days in München, ist innerhalb der letzten 10(?) Jahre eine Konferenz mit über 3.000 Besuchern geworden. Eine Konferenz mit Expo, Nebenbühnen – und eben einer OMResken Lichtshow.

Das Publikum ist, verglichen mit der DMEXCO oder Internet World Expo, seniorig. Laut Konferenz-Website zu einem Drittel C-Level. Das bestätigen auch die Aussagen verschiedener Aussteller. Für mich ist es ein E-Commerce Klassentreffen und der Hauptgrund, warum ich den Weg nach Berlin zu K5 antrete.

Mit dem Besucherwachstum werden häufig die Konferenz-Vorträge mainstreamiger und für den E-Commerce Fortgeschrittenen weniger aufschlussreich. Gilt das auch für die K5?

Drei Highlights: Food, E-Commerce Professor & der Wolf im Schafspelz

Das Motto war „David vs Goliath“. Ein gutes Motto, welches die dominierende Diskussion im E-Commerce aufgreift. Im Fokus steht dabei, wie sich kleine Händler zwischen den ganzen Big Playern positionieren und erfolgreich durchstarten können.

Die Speaker und die repräsentierten Unternehmen ist das Who ist Who der E-Commerce Branche: von Zalando über AboutYou, Amazon, Adidas, Cherry Ventures, Project A bis hin zum Aufsteiger Picnic. Das K5-Team ein beeindruckendes Lineup aufgestellt. Die Vorträge waren meist kurz gehalten, was eine wilden Ritt durch Marketing, Geschäftsmodelle, Plattform-Ökonomie & Venture Capital erlaubte.

Drei Vorträge sind mir aus verschiedenen Gründen besonders in Erinnerung geblieben. Falls die Videos später online gestellt werden, sind dies meine Sehempfehlung.

Frederic Knaudt (Picnic): From impossible to irresistible – How Picnic became the Supermarket in your pocket

Seit dem Podcast mit Udo Keisling auf Kassenzone bin ich ein Fan des Geschäftskonzept. Wer Picnic nicht kennt: Picnic ist Aldi online mit einem netten Milchmann, der die Waren nach Hause bringt.

Das niederländische eFood-Unternehmen ist 2015 gestartet. Aus einem – verglichen mit REWE online – überschaubaren Sortiment, wählen die Kunden komfortabel ihre Produkte aus. Es fallen keine Lieferkosten ein, die Preise sind vergleichbar mit dem Edeka um die Ecke. In den allermeisten Fällen werden die Produkte am nächsten Tag geliefert. Der sogenannte Runner – der moderne Milchmann – bringt die Produkte aus dem kleinen Elektoflitzer bis an die Tür. Persönlich & nah.

Picnic hat eine unglaublich effiziente Supply Chain aufgebaut, durch Reduzierung von Komplexität und smarte Kniffe. Genau diese „Kniffe“ machen das Geschäftsmodell so besonders für mich. Ein Beispiel: der Kunde kann nachverfolgen, wo sich der Lieferwagen befindet. Er weiß auf die Minute genau, wann der Runner – sein persönlicher Freund – mit Erdbeeren und dem frischen Fleisch vor der Tür ist. Ein guter Service für den Kunden, von dem das Unternehmen gleichzeitig profitiert. In 95% der Fälle wartet der Kunde bereits an der Tür auf den Runner und nimmt die Lieferung entgegen. Kein Klingeln bei den Nachbarn mehr, keine Ablageplätze suchen. Der Runner kann so mehr Lieferungen pro Stunde bearbeiten.

Ich könnte noch weiter schwärmen: von der Rollout-Strategie, über den Aufbau der Organisation bis zur App. Aber nicht hier, nicht heute. Der Deutschland Chef Frederic Knaudt hat das Geschäftsmodell gut, offen und sympathisch rübergebracht. Blöd für mich: bis Picnic in Hamburg aktiv wird, wird wahrscheinlich noch viel Zeit vergehen. Schade!

Marcel Brindöpke (heyPaula): Plattformen 2025 – Wie die Goliaths um die Davids kämpfen (müssen)

Marcel ist Geschäftsführer von heyPaula – und für mich der E-Commerce Professor der K5. In seinem Vortrag ging er auf den Status Quo der Plattformen in Deutschland ein und stellte Thesen auf, was uns in den nächsten 5 Jahren an Entwicklungen erwarten kann.

Mit dem Status Quo setzt er einen Gegenpunkt zur „Almighty Plattformen“-Party. Plattformen im E-Commerce stehen noch am Anfang: die Steuerungsmöglichkeiten für Marktplatzhändler sind beschränkt, das Reporting ist unterirdisch und die Vermarktungsmöglichkeiten machen die ersten Babyschritte. Die durchschnittliche Durchlaufzeit von Artikeldaten-Anlieferung bis Livegang auf der Plattform ist zwei Wochen – und das ist die optimistische Variante. Keine Frage, die Plattformen lernen schnell, aber sie sind keinesfalls schon ausgereift.

Seine fünf Thesen für die Zukunft werden nicht alle Anwesenden teilen, aber sie geben Denkanstöße. Marcel erwartet ein dynamisches Pricing und eine Echtzeit-Steuerung der Produkte auf dem Marktplatz. Mit besseren Reporting-Möglichkeiten können die Händler in ein echtes Management der Produkte einsteigen.

Dr. Markus Schöberl (Amazon): Wohin entwickelt sich der Amazon-Marktplatz?

Vorab: ich habe vom Amazon-Vortrag mehr erwartet. Es wurde sehr wenig Neues erzählt, und Zahlen wurden quasi gar nicht kommuniziert oder kommentiert. Spannend war, wie sich Amazon darstellt: als E-Commerce Schmusekatze, die Gutes & Fairness in der Welt vorantreiben möchte.

Wir möchten Wettbewerb. Wettbewerb ist gut für den Kunden.

Das ist richtig, steht allerdings im Gegensatz zum Geschäftsgebaren in den USA. Händler werden in die Prime-Pipeline gedrängt, während gleichzeitig die Preise für die Nutzung der Amazon Logistik-Infrastruktur steigen. Im Artikel „Don’t be a platforms bitch“ bin ich näher auf das Thema eingegangen. Ich bewundere das Unternehmen Amazon, es kann aber nicht im Interesse der Gesellschaft sein, dass Amazon = Handel ist.

Wir möchten gleich Startbedingungen für alle Partner.

Der Ansatz ist wichtig für eine offene Plattform. Aber man kann sich hinter diesen Worten auch einfach verstecken, wenn es um Produktplagiate & den unfairen Wettbewerb mit chinesisches Herstellern geht.

Ich würde mich freuen, wenn Amazon bei zukünftigen Talks mehr den Vorhang hebt. Das Unternehmen ist Vorreiter, Marktführer & Innovator, das Unternehmen an dem sich der restliche Markt orientiert. Damit hat Amazon auch eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Positive Erwähnungen für Talks haben mindestems noch Florian Heinemann, der Vortrag von Wayfair & das Abschlusspanel am Mittwoch verdient.

Wie wird gut noch besser

Neben den Vorträgen gibt es für zwei Sachen ein Extralob: (a) die Expo und (b) das Catering.

Die Expo war eine große Bereicherung für die Konferenz, die Aussteller waren sehr gut ausgewählt. Ich weiß nicht, ob es eine harte Tür gab oder es eine Selbstselektion war. Ich habe viele gute Gespräche geführt.

Eine besondere Erwähnung bekommt Frontastic und Thomas Gottheil. Frontastic bietet die Möglichkeit sehr schnell Frontends mit zeitgemäßer Technologie umzusetzen. Für ein schnelles Experimentieren genau das richtige. Die Technologie und die Vision haben mich geflasht.

Zudem waren Catering & Service gut. Es gab keine langen Schlangen beim Essen und die Besucher verteilten sich gut über die gesamte Fläche. Der Service war so aufmerksam, dass man sich an seinem Teller festhalten musste, damit dieser nicht zu schnell abgeräumt wurde. Großes Lob.

Aber: gerade bei den Besten ist kritisches Feedback wichtig. Daher für das nächste Jahr drei Denkansätze:

  • Längere Sessions: Die Beschränkung auf 15 Minuten (bei den meisten Talks) führt einerseits zu einer großen Themenvielfalt andererseits zu Hochglanz-Talks, die an der Oberfläche bleiben. Dies ist mir v.a. bei Adidas aufgefallen, die mit 100%iger Sicherheit spannende Initiative im Unternehmen vorantreiben, die andere Teilnehmer interessieren. Leider sind wir geendet bei (a) mehr Devices, (b) mehr Daten & (c) der „connected Customer“.
  • Fragen aus dem Publikum erlauben: Fragen aus dem Publikum sind immer so eine Sache: sie ziehen den Talk in die Länge und können unberechenbar sein. Ich bin mir aber sicher, dass es spannende Nachfragen gegeben hätte, z.B. beim Amazon Vortrag. Die Anzahl der Fragen kann gerne beschränkt werden – sei es über ein Voting, Fragen über Twitter oder wie auch immer.
  • Kontroverse: Leider muss ich das Abschlusspanel vor Ende verlassen. Es war grandios! Joel Kaczmarek & Florian Heinemann haben eBay, Lesara & Co. befragt. eBay musste die eine oder andere unangenehme Wahrheit ertragen („You used to be a cool company. Now you are just north of Yahoo.“). Der Deutschland-Chef hat aber zu vielen Punkte Stellung genommen und Einblicke in seine Denkweise gegeben. Panels mit kontroversen Ansichten oder die eine oder andere kritischere Nachfrage, geben der Konferenz die letzte Würze.

Fazit – nächstes Jahr wieder

Noch einmal zurück zur Frage vom Anfang:

Mit dem Besucherwachstum werden häufig die Konferenz-Vorträge mainstreamiger und für den E-Commerce Fortgeschrittenen weniger aufschlussreich.

Von der Entwicklung kann sich die K5 nicht komplett freimachen. Aber das ist Jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Die K5 war die Reise wert! Nächstes Jahr komme ich gerne wieder.

Danke an Jochen, Sven und das gesamte K5 Team. Die K5 bleibt in der Konferenz Champions League in Deutschland – und mit kleinen Verbesserungen setzt sich die Konferenz noch weiter von den „Wettbewerbern“ ab.


E-Commerce Junkie seit 2006 | Freund von Digitalisierung, Automatisierung und guten Online-Strategien

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