in Business Life

Barcamp Hamburg im Wandel der Zeit

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Am 12./13.11.2016 fand das Barcamp Hamburg #10 statt. Zehn Jahre im Internet sind eine Ewigkeit. Daher überrascht es wenig, dass sich auch das Konzept Barcamp in diesen Jahren verändert hat.

Ein Blick zurück: 2007 besuchte ich mein erstes Barcamp in Berlin. Ich arbeitete bei OTTO im Business Development. Das Event war der Hammer: ein toller Austausch, eine aktive Community und gute fachliche Diskussionen. Seitdem verbrachte ich alle paar Monate ein Wochenende auf Barcamps irgendwo in einer deutschen Großstadt. München, Essen, Stuttgart – um ein paar Ausflügen zu nennen. Für einen Barcamp-Besuch gab es mehrere Gründe:

  • Kontakt zur „digitalen Avantgarde“ aufbauen – auf Barcamps waren viele Blogger, Unternehmer & Co. unterwegs. Menschen, die sich als erste mit neuen Entwicklungen, neuen Technologien, neuen Startups und neuen Geschäftsmodellen beschäftigen. Zudem Menschen, deren Meinung ich schätze und die ich gerne zu meinem Netzwerk zähle.
  • OTTO repräsentieren – OTTO war damals sehr viel weniger auf Konferenzen präsent als es jetzt ist. Gute Leute für digitale Themen zu bekommen war damals für ein etabliertes Unternehmen wie OTTO schwierig. Wenn wir also zeigen konnten „Coole Themen beschäftigen uns auch“, dann war das bestimmt nicht verkehrt.
  • Fachlichen Input bekommen – Fachliche Vorträge dominierten den Session-Plan auf Barcamps. Ich konnte Neues lernen, was mich beruflich weiterbringt. Ich konnte eigene Ideen diskutieren.

Um der Barcamp-Community etwas zurückzugeben, holten Alex Graf, Florian Hermsdorf und ich das Barcamp in die Räumlichkeiten der Otto Gruppe. Unterstützt von Internet-Veteranen wie Vivian Pein und Franz Patzig organisierten wir das Event in der Hansestadt. In den Folgejahren wurde das Barcamp Hamburg zu einem der größten und beliebtesten Barcamps in Deutschland. Bis 2013 war ich in der Orga des #BCHH aktiv. Auch danach blieb ich der Veranstaltung eng verbunden.

Sprung zurück ins Jahr 2016. Letztes Wochenende. Barcamp Hamburg 10. Ich war leider nur am Samstag da. Vorab: es hat wieder Spaß gemacht.

Meine Sessions waren: Best of Godzilla in 45 Minuten – garantiert ohne Handlung | Krisenvorsorge – #Preppen | Pod-was? | Du willst, was ich will! – wie geht das? Und natürlich meine eigene Session zusammen mit Arthur & Timo: Marketing Nerds – Für mehr IT im Performance Marketing.

An der Zusammenstellung sieht man bereits: das Themenspektrum ist breit. Die restlichen Themen sind nicht minder breit.

Und genau hier komme ich zu der Veränderung: Das Barcamp Hamburg ist keine Fachveranstaltung mehr. Ich gehe nicht hin, um primär Neues für meinen Beruf mitzunehmen. Der Besuch lohnt sich um über Themen zu sprechen, die mich privat interessieren. So wie Politik, Serien oder Kommunikation. Es geht nicht mehr um PHP Frameworks, E-Commerce Geschäftsmodelle oder den Einsatz neuer Marketing-Kanäle für das Unternehmen. Das ist weder besser noch schlechter als früher. Es ist anders.

Aber wie gesagt: schön war es auf jeden Fall. Ein ganz herzlichen Dankeschön an das Orgateam und Sponsoren.

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WGSN – Die Modemacht, die keiner kennt

WGSN Fashion Forecasting

Vielleicht kennt ihr das Gefühl: Ihr wollte Kleidung kaufen, geht in der Einkaufsstraße von Laden zu Laden und irgendwie gibt es überall die gleichen Produkte. Ob Nike, H&M oder Tom Tailor. Ähnliche Farben. Ähnlich Schnitte. Ähnliche Trend-Produkte. Warum eigentlich?

Zugegeben: ich kenne das Gefühl weniger, da ich (a) wenig Mode offline kaufe und (b) generell nicht der Genuss-Shopper bin. Die Frage ist dennoch interessant. Und nach der Folge „The Trend Forecast auf meinem Lieblings-Podcast „99% Invisible“ habe ich das Gefühl der Antwort ein Stück näher zu sein. Ein großer Teil der Antwort ist WGSN.

WGSN steht für World Global Style Network. Aber fasst jeder kennt das Unternehmen nur unter seinem Akronym. Nie gehört? Geht mir ähnlich. Das Unternehmen ist selbst der interessierten Öffentlichkeit wenig bekannt.

WGSN sagt Trends der Zukunft vorher – neudeutsch: „Trend Forecasting“. Das machen andere Unternehmen auch, aber im Bereich Design und Mode ist niemand so einflussreich wie WGSN. Das Unternehmen zählt Marken wie H&M, Nike & Levi’s zu seinen Kunden. Genauso wie 6.000 andere Unternehmen in über 100 Ländern und 70.000 Abonnenten – darunter viele Designer, die entscheiden, was ihr morgen tragt. Die Redakteure von WGSN recherchieren Trends und bereiten diese sehr aufwendig auf. Mit Bildern, Beispielen und Videos. Mehr als 250 Reports pro Monat. Die Berichte werden hinter einer Paywall bereitgestellt. Das Ganze hat einen stolzen Preis von mehreren tausend Dollar pro Monat.

Was WGSN von einem Modeblog oder Fashion Magazin unterscheidet: neben Information stellt WGSN auch Design- und Farbmuster zum Download (CAD) bereit. Design-Teams können dies als Basis für eigene Kreationen und Entwürfe nehmen. Genial einfach! Der Nachteil: wenn die Großen der Modeindustrie das alle machen, dann sieht alles gleich aus. Ein Problem, was auch der Marc Worth sah: nach seinem Exit nannte der Gründer sein Unternehmen „ein Monster„.

“Shoppers complain that everything on the high street looks the same, but is it any wonder? Instead of looking for inspiration, brands are relying on templates, and because everyone uses the same templates, there’s no competitive edge.”

Interessant wird es, wenn wir (a) den Einfluss von Unternehmen wie WGSN und (b) digitale Technologien zusammenwerfen.

Im letzten Artikel habe ich mich mit Lesara und der Fast Fashion Branche auseinandergesetzt. Zum Thema Sortiment war die Aussage:

„Wir finden international die besten Trends für Dich“ ist eine Umschreibung für „Wir crawlen verschiedene Quellen und schauen uns die Verkäufe auf anderen Plattformen an. Dann entscheidet ein Algorithmen, welche Produkte wir produzieren.“ Im Gegensatz zu anderen Modeshops wird bei Lesara auf Store-Checks vor Ort verzichtet. Durch eine Orientierung an den Verkäufen von anderen Plattformen (Zalando, Amazon, OTTO, etc.), kann Lesara das Bestandsrisiko senken. Produziert werden nur Muster, Schnitte, Farben, bei denen sich Verkäufer relativ sicher sein können, dass auch Nachfrage besteht.

Damit haben wir drei Treiber im Markt: (a) Die (wenigen) Trendsetter. (b) Die Marken, welche auf WGSN & Co zurückgreifen. (c) Die Daten-Sammler wie Lesara & Edited.

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Daraus resultierend sehe ich zwei Punkte:

  • Sehr wenige Trendsetter bestimmen, was die breite Masse trägt. Durch Services wie WGSN und dem gleichzeitigen Druck immer schneller mehr Kollektionen auf den Markt zu bringen, wird für Marken Zeit und Geld für kreatives Schaffen immer schwerer zu rechtfertigen.
  • Durch die bessere Datenverfügbarkeit (z.B. durch Edited) können Unternehmen wie Lesara gut analysieren, was sich auf Drittplattformen verkauft. Warum also selbst kreativ werden oder Services wie WGSN nutzen. Das gab es früher mit Store Checks auch. Durch digitale Services sind diese Informationen besser und billiger für eine breite Masse verfügbar.

Heißt für mich, dass Mode und Looks für die breitere Masse in Zukunft noch homogener werden. Pessimistisch, aber in meinen Augen eine logisch Schlussfolgerung der aktuellen Marktentwicklung.

So. Und wer jetzt noch wissen möchte, was morgen hip ist – hier die Einschätzung von Sarah Owens, eine Trend Forecasterin bei WGSN.

Take the current athleisure trend, where everyone from Kate Hudson to Beyonce has a line of high-fashion fitness clothes, and sweatpants are just as likely to be seen at start-up offices as they are at the gym. Owen points out that it was easy to see this coming if you were paying attention to the booming gig economy. A fashion trend-forecaster takes a prediction that 40% of Americans will be working from home by 2020 and translates it into real-life fashion consequences, suddenly seeing an increased amount of stretchy cotton in your future wardrobe.

Also: kauft Euch alle schon mal eure Joggins-Hose. Damit laufen wir bald alle rum. #athleisure

Fotoquelle: unsplash.com/@blakesox

Lesara und Niedrigpreis-Strategien im Modehandel

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„Competition is for losers“, schreibt Peter Thiel. In seinem Buch „Zero to One: Notes on Startups, Or How to build the future“ erklärt er, wie intensiver Wettbewerb Margen aus einer Branche zieht. Sein Negativ-Beispiel sind US Airlines. In 2012 haben Airlines an einem durchschnittlichen Ticket für $178 nur $0,37 verdient. Eine Rohmarge von 0,2%. Nicht viel. Und die Luftfahrtbranche ist nicht alleine: Lebensmittel, Textil, Consumer Electronic – diese Märkte funktionieren in Deutschland primär über den Preis.

Viele Strategen würden Peter Thiel zustimmen: Reine Preis-Positionierungen sind sehr selten empfehlenswert. Das Problem mit günstige Preisen und übertriebenen Rabattaktionen: Kunden werden konditioniert ihre Käufe nur vom Preis abhängig zu machen. Oder auf die nächste Rabatt-Aktion zu warten. Die Bindung entsteht also nicht zum Unternehmen, sondern zum Preis des Artikels.

Hermann Simon, der Erfinder der BahnCard, fasst im Artikel „Von Aldi und Ikea lernen“ zusammen:

Niedrige Preise und hohe Profite treten nur selten gemeinsam auf. Diese Kombination ergibt sich nämlich nur dann, wenn ein Unternehmen einen klaren, erheblichen und nachhaltigen Kostenvorteil gegenüber seinen Konkurrenten besitzt.

Und was ist heutzutage ein „erheblicher und nachhaltiger Kostenvorteil“? Ist aktuell günstiges Sourcing in Asien ein nachhaltiger Kostenvorteil? Wahrscheinlich nicht. Günstiges Sourcing ist für einen Wettbewerber einfacher aufzubauen als eine loyale Basis von Stammkunden – und damit langfristig günstigere Kundenakquisitionskosten.

Vor diesem Hintergrund möchte ich heute einen Blick auf Niedrigpreis-Strategien im Modebereich werfen. Konkret am Beispiel von Lesara. Lesara ist aktuell eines der gehyptesten Unternehmen im Fashion E-Commerce. Sinn oder Irrsinn?

Vorstellung – was ist Lesara?

Lesara sieht sich als digitaler Vorreiter im Bereich Fast Fashion. Gründer Roman Kirsch erklärt gegenüber dem Tagesspiegel:

Für Lesara haben wir uns angeschaut, was in den vergangenen Jahren die größte Innovation im Offlinehandel war. Das waren ganz klar die Themen Fast Fashion und Fast Retailing. Modeunternehmen wie H&M oder New Yorker waren sehr erfolgreich damit, Trends offline zu erkennen und dann in die Geschäfte zu bringen. Dabei waren sie schneller als teure Marken.“

Das Team hat das Prinzip auf den Online-Handel angewendet und wächst damit aktuell stark. Grafisch aufbereitet schaut das so aus.

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Gehen wir einmal entlang der Kette vor und schauen auf die einzelnen Stationen:

Sortiment

„Wir finden international die besten Trends für Dich“ ist eine Umschreibung für „Wir crawlen verschiedene Quellen und schauen uns die Verkäufe auf anderen Plattformen an. Dann entscheidet ein Algorithmen, welche Produkte wir produzieren.“ Im Gegensatz zu anderen Modeshops wird bei Lesara auf Store-Checks vor Ort verzichtet. Durch eine Orientierung an den Verkäufen von anderen Plattformen (Zalando, Amazon, OTTO, etc.), kann Lesara das Bestandsrisiko senken. Produziert werden nur Muster, Schnitte, Farben, bei denen sich Verkäufer relativ sicher sein können, dass auch Nachfrage besteht. Ich mag den Ansatz.

Sourcing

Produziert werden die Produkte in Fernostasien – branchenüblich halt. Lesara produziert in kleinen Mengen, testet die Produkte auf der Plattform und ordert bei Erfolg nach. Das Bestandsrisiko durch vorfinanzierte Produkte ist gering.

Das Unternehmen arbeitet mit wenigen Fabriken zusammen, die sich im Reverse-Auktionsverfahren um die Bestellung bewerben. Der Preisdruck wird in der Produktionskette weitergegeben. Spannend am Thema: Zwischen dem Screening, der Kreation von Schnittmustern und dem Abschluss der Produktion vergehen meist weniger als zwei Wochen.

Fragwürdig am Thema ist, wie bei einem solchen Zeitdruck Qualität sowie soziale und ökologische Mindeststandards eingehalten werden sollen. Irgendetwas fällt runter, wenn am Ende ein niedriger Preis rauskommen soll. Roman weist (zurecht) darauf hin, dass dies kein reines Problem von Lesara ist. Es ist ein Problem der Gesamtmodebranche – vom Discounter KiK bis zu etablierten Marken. Trotzdem nimmt es Lesara nicht aus der Pflicht hier nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen.

Marketing

Viele großen Mode-Onlineshops sind über Performance Marketing groß geworden. Bei einem Modell „Lesara“, was ein Kleid für 20€ verkauft, funktioniert kein CPO von 20€. Klassische Kanäle wie SEA sind damit herausfordernd. Denn: um das Keyword „Kleid“ oder „Kleid günstig“ gibt es trotzdem einen hohen Wettbewerb.

Lesara ist gezwungen andere Werbekanäle zu finden. Auf der K5 beschrieb Roman Kirsch die Wahl der Werbeplätze als „low price, low perceived quality“. Ergo: Banner auf Gaming-Seiten, etc. Als Ansatz auf jeden Fall nachvollziehbar. Spannend wird wie gut Lesara Bestandskunden aktivieren kann. Dafür spräche ein hoher direkter Traffic-Anteil. Dieser ist aktuell bei Lesara noch nicht zu erkennen. Der Traffic-Mix schaut für einen Shop klassisch aus: mit ca. 60% gekauftem Traffic. Marketing – bleibt wohl eine große Herausforderung.

Operations

Schaut man sich Kundenerfahrungen im Netz an, so kommen bei Nutzern Lieferzeiten, Retourenhandling und Kundenservice schlecht weg.

Entscheidend für meine Bewertung ist weniger die absolute Bewertung, sondern die Relation zu Wettbewerbern wie bonprix oder kik.de. Hier gibt es noch Nachholbedarf. Allerdings kann man einer jungen Firma mit sehr hohem Wachstum nicht erwarten, dass alles von Start perfekt klappt. Ich vermute die Operations-Probleme werden in den Griff zu kriegen sein.

Einschätzung und Ausblick

Entlang der Wertschöpfungskette hat Lesara überall spannende Ansätze, v.a. im Bereich Sortiment und Sourcing. Sind dies nachhaltige Wettbewerbsvorteile? Glaube ich nicht.

Mit einer besseren Verfügbarkeit von Daten sowie Anbietern wie Edited wird das Wissen über Wettbewerber-Verkäufe einfacher zugreifbar. Sourcing wird mit einer weiteren Öffnung des chinesischen Marktes für westliche Firmen (wahrscheinlich) noch einfacher.

Und damit bleibt bei Lesara das Größenspiel: schafft es das Unternehmen schnell genug auf so große Umsatz- und Kundenzahlen zu kommen, dass Skalenvorteile greifen und das Modell über Bestandskunden wachsen kann? Kein sexy Ausblick.

Aber bei allen Herausforderungen dieser Niedrigpreis-Strategie: ich habe eine Sympathie für Unternehmen, die in diesem Umfeld ambitioniert arbeiten. Warum? Durch die engen Margen sind Mitarbeiter des Unternehmens gezwungen bei der Prozessgestaltung kreativ zu sein. Der „übliche“ Weg funktioniert oft nicht. Er ist kostenseitig nicht abbildbar. Und wer weiß: vielleicht ergibt sich aus diesen kreativen Prozessen über die Zeit in Summe genau der Wettbewerbsvorteil, den Lesara braucht.

Update: Ergänzend die Diskussion zum Beitrag auf Facebook. Dank an Mark Steier.

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Fotoquelle: unsplash.com/@artificialphotography

Twitter hat ein Nutzerproblem, kein Umsatzproblem

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Das Unternehmen Twitter kommt in den Nachrichten aktuell nicht gut weg.

Schleppendes Umsatzwachstum: Krisensitzung bei Twitter (futurezone)

Der Aktienkurs ist allein seit Anfang des Jahres um ein Fünftel im Minus; unterm Strich schreibt der Kurznachrichtendienst immer noch tiefrote Zahlen – und beim Umsatz verzeichnete das Unternehmen im jüngst abgelaufenen zweiten Quartal das niedrigste Wachstum seit dem Börsengang Ende 2013. (wiwo)

Twitters Problem ist die allgemeine Stagnation im Unternehmen, vor allem beim Umsatz und in Sachen Mitgliederwachstum. Alle Bemühungen scheinen nicht auszureichen, um mit anderen sozialen Netzwerken wie Instagram und Snapchat mitzuhalten, die gefühlt wöchentlich unter großem medialen Echo Neuerungen verkünden. (internetworld)

Um es vorab zu sagen: Twitter hat kein Umsatzproblem. Twitter hat ein Nutzerproblem.

Wer beim Unternehmen aus San Francisco primär den Umsatz bewertet, betrachtet die falsche Metrik. Ja, im Vergleich zu Facebook schauen Umsatz wie auch Ergebnis bescheiden aus. Geschenkt. Aber: Twitter zeigt eine positive Entwicklung des ARPU (Average Revenue Per User), also den Umsatz pro aktiven Nutzer. Bis Q3/2015 wuchs der ARPU mit gleichen Raten wie bei Facebook. Deutlich über denen bei LinkedIn. Twitter hat den Vorteil, dass seine Werbeformen nativ sind. Die Werbung ist ein Tweet. Es wirkt nicht so fremd wie Banner-Werbung.

Zudem sind alleine die Daten viel Wert. Im Jahr 2009 hat Marissa Mayer, damals noch bei Google, Tweets von drei Tagen zur Analyse bekommen. Über 60% der geteilten Links hat die Suchmaschine Google noch nie vorher gesehen.

Nein, dass Twitter seine Nutzer nicht monetarisieren kann, glaube ich keine Sekunde. Das Problem ist das Nutzerwachstum. Der Dienst schafft es nicht neue Nutzer von sich zu überzeugen.

Quelle: Statista

Quelle: Statista

Ich kann es (leider) gut nachvollziehen. Twitter war bei mir Liebe auf den 2. Blick. Der Service hat ein Kaltstart-Problem. Es muss erst Zeit investiert werden, um relevante Newsquellen zu identifizieren. Je besser diese Quellen ausgewählt sind, desto höher ist der Nutzen des Netzwerks. Ist das Netzwerk einmal aufgesetzt, funktioniert das Prinzip super – insbesondere im beruflichen Umfeld. Es gibt einfach nichts vergleichbares, um (a) so schnell an Informationen zu kommen und (b) so gebündelt mit Branchenexperten in Kontakt zu treten. Auf Facebook könnte ich verzichten, Twitter würde mir fehlen.

Es ist traurig, dass sich der Dienst in den letzten Jahren so wenig weiterentwickelt hat. Positiv kann man sagen: der Dienst bleibt sich treu. Negativ: es wurde nichts getan, um den Dienst relevanter für neue Nutzer zu machen. Gerade in diesem Licht muss man den Hut vor Snapchat ziehen, die ihren Dienst bereits immer wieder wandeln und weiterentwickeln – und das bevor sie es eigentlich müssen. Jeder liebt Snapchat, so wie es aktuell ist.

Also Twitter: bitte entwickle dich weiter. Gewinne neue Nutzer. Wenn du das Nutzerwachstum in den Griff kriegt, werden Umsatz und Ergebnis folgen.

Fotoquelle: unsplash.com/@freestocks

desk.pm vs iA Writer – Publishing-Tools für den Mac

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Mehr Schreiben – das war der Vorsatz für dieses Jahr. Konkreter: Mindestens einen Artikel pro Woche veröffentlichen. Solche Vorsätze sind in der Vergangenheit daran gescheitert, dass ich mich mehr mit dem Blog als mit dem eigentlichen Schreiben beschäftigt habe. Plugins hinzufügen. Themes optimieren. Performance steigern. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit denen sich der ambitionierte Schreiber abhalten kann.

Daher war ich auf der Suche nach einer Software für den Mac, die beim konzentrierten Schreiben unterstützt. Und das gerne in Markdown. Markdown hält Texte schlank und gut lesbar – im Gegensatz zu aufgeladenen HTML. Mit Jetpack unterstützt WordPress inzwischen auch die Auszeichnungssprache.

Nach ein wenig Recherche blieben zwei Tools für den Mac übrig: Desk.pm und 1a Writer. Beide Programme habe ich für einige Wochen genutzt.

Desk.pm

Desk.pm ist eine Indie-Software von John Saddington. Seine Liebe zum Bloggen und der unerfüllte Wunsch nach guter Software zum Bloggen führen zur Entstehung von Desk.pm.

Designed to marry both form and function: it is the desktop publishing client that you’ve always wanted: simple, intuitive, powerful and fast.

Desk gewann den prestigeträchtigen Apple-Award zwei Jahre in Folge: „Best App of 2014“ und „Best App of 2015“. Mittlerweile liegt die Software in Version 2.4 vor. Das Tool kostet 19,90€ – und liegt damit im mittleren Preisbereich der Publishing-Tools.

Die Reviews im App-Store lesen sich gemischt: 23 Bewertungen, 3 Sterne. Die aktuellsten Bewertungen fallen eher negativ aus. Die Einschätzung:

  • Ich mag das cleane, übersichtliche Layout von Desk.pm. Die Software bietet einen Fokus-Modus, der alles unnütze ausblendet. Lesezeit und Wortanzahl werden gut sichtbar angezeigt. Sehr hilfreich.
  • Desk.pm bietet eine Anbindung an alle relevanten Blogging-Systeme. Für WordPress kann z.B. direkt auf veröffentlichte Beiträge und Entwürfe zugegriffen werden. Das funktioniert sowohl für selbst gehostete als auch für WordPress.com-Blogs. Tags, Kategorien, etc. können direkt im Tool vergeben werden.
  • Die Markdown-Unterstützung ist ok. Die Syntaxhervorhebung funktioniert gut. Ein Markdown-Text wird als solcher nach WordPress exportiert. An einer Stelle gibt es Nachholbedarf: die Preview. Auflistungen werden nicht richtig angezeigt. Eine zerhackte Vorschau hilft mir nicht.
  • Die fehlende Rechtschreib-Korrektur ist ärgerlich. Unter dem Menüpunkt Edit gibt es verschiedene Funktionen zu diesem Thema. Allerdings werden Fehler weder angezeigt noch Korrekturvorschläge gemacht.
  • Einen Punkt Abzug gibt es für den fehlenden Support. Nirgends wird eine Email-Adresse angegeben, an die man sich bei Fragen/Vorschlägen wenden kann. Einzig im Menü unter „Help“ gibt es eine rudimentäre Feedback-Möglichkeit. Auf meine Anfrage habe ich bis heute keine Antwort bekommen. Ich weiß wie aufwändig Support bei einer Indie-Software sein kann. Allerdings erwarte ich bei einer bezahlten Software ein gewisses Level an Support.

iA Writer

iA Writer ist das digitale Äquivalent zum College-Block. Einfach drauf losschreiben, ohne sich viel Gedanken um Layout zu machen. Die Software wird von der Digital-Agentur iA Inc entwickelt.

In spite of its growing modularity, iA Writer never was about the number of features. A clean and simple writing environment that treats text as text and makes writing delightful—this is what iA Writer was made for.

Die Reviews in Medien lesen sich sehr gut. Der Guardian findet iA Writer „beautiful and simple“. Die Fast-Company findet iA „out-innovated Apple“. Die positiven Reviews setzen sich im App-Store fort, wo das Tool bei 208 Bewertungen mit über 4 Sternen bewertet wird. Mit 9,99€ ist das Tool vergleichsweise günstig. Mir gefallen folgende Punkte:

  • Das User Interface ist perfekt. Clever verbindet iA Writer die Schreibfunktion, die Text-Bibliothek und die Vorschau. Per Default ist nur der Text zu sehen – absoluter Fokus auf das Wesentliche. Über eine Wischgeste nach rechts wird die Bibliothek mit anderen Texten sichtbar. Eine Wischgeste nach links zeigt den Markdown-Text in einer Vorschau an. Das Syntax-Highlight für Markdown ist angenehme zurückhaltend, hilft aber den Überblick zu bewahren. Wörter und Lesezeit werden wie bei Desk.pm angezeigt.
  • Das Tool unterstützt mich beim Schreiben. Nicht nur funktioniert die Rechtschreibkorrektur gut, sondern das Tool hilft meinen Schreibstil zu verbessern. iA Writer bietet eine Hervorhebung von Satzelementen an. Adverbien, Konjunktionen, Adjektive, Verben, etc. können farblich markiert werden. Es hilft ungemein Schwachstellen im Text (z.B. zu viele Adverbien) zu finden.
  • Die Bibliothek für Texte ist super. Sie erinnert mich ein wenig an Evernote. Ich liebe Evernote. Ordner können angelegt werden und unterstützen den Workflow beim Schreiben. Ich arbeite mit drei Ordnen: Idee, Entwurf und Veröffentlicht. Einzig das Verschieben von Texten zwischen zwei Ordner ist kompliziert (Weg über den Finder).
  • Export-Funktionen ist noch ausbaufähig. Im Gegensatz zu Desk.pm ist iA Writer ein Texteditor – und kein Blogging-Werkzeug. Basis-Exportfunktionen werden trotzdem angeboten. Texte können als Entwurf in WordPress gespeichert werden. Voraussetzung ist allerdings Jetpack und eine aktivierte JSON-API in Jetpack. Verglichen mit Desk.pm eher mau. Zudem wird der Markdown Text als HTML gespeichert.

Fazit

Das Fazit fällt ziemlich eindeutig aus: iA Writer ist der klare Gewinner. Die User Experience ist überragend. Das Highlighting von Satzbausteinen hilft mir beim Schreiben. Die Crew hinter iA Writer hat sich sehr viele Gedanken zu einem guten Workflow für Autoren gemacht. Und das wissen auch Schreib-Laien wie ich zu schätzen. Ergo: Das Tool ist jeden Cent wert.

Ambient Shopping – Einkaufen im Zombie Modus

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Gibt es Online-Shopping in Zukunft nur noch im Zombie-Modus? Im Artikel „Das Ende der Einkaufslisten“ beschreibt Prof. Dr. Werner Reinartz den Wandel des Kaufprozesses – hin vom linearen Phasenmodell zum „Ambient Shopping“. Beim Ambient Shopping wird Online-Shopping zu einer permanenten Hintergrundaktivität. Es ist keine bewusste, geplante Aktivität mehr.

Kaufimpuls, Erwerb und Konsum verschmelzen heute nicht selten zu einer einzigen Handlung. Der Handel sollte deshalb aufhören, Einkaufen nach wie vor als lineares Phasenmodell zu begreifen, und damit beginnen, den Kaufprozess als simultanen Prozess zu verstehen. Noch werden in der Branche Formulierungen wie „Shopping Trip“, „Shopping Mission“, und „Shopping List“ verwendet, die allesamt eine Abfolge individueller, weitestgehend getrennter Tätigkeiten suggerieren, die es längst nicht mehr gibt.

Utopie, Zukunft oder Status Quo des E-Commerce?

Entwicklung des Kaufprozesses

Die klassische BWL-Literatur beschreibt den Einkaufsprozess in fünf Phasen:

  1. Problemerkennung – Was ist mein Bedürfnis?
  2. Informationssuche – Welche Menge von Produkte löst mein Problem?
  3. Alternativenevaluation – Welches dieser Produkte passt am besten?
  4. Durchführung des Kaufs
  5. Nachevaluation – zufrieden mit dem Kauf?

Der grundsätzliche Ablauf hat sich in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich nicht verändert. Verändert hat sich im E-Commerce aber (a) der „Ort“ an dem die einzelnen Schritte durchgeführt werden und laut Prof. Dr. Reinarzt (b) die Dauer und v.a. die Relevanz der einzelnen Einkaufsschritte.

Ort des Einkaufs – oder: Amazon Commerce

Alex beschäftigt sich auf Kassenzone in verschiedenen Posts mit dem Kaufprozess und zeigt die Entwicklung sehr gut auf.

Bildquelle: kassenzone.de

Bildquelle: kassenzone.de

In der 3. Phase „Amazon Commerce“ sucht der Kunde bei seiner präferierten Plattform nach einem Produkt, welches sein Bedürfnis erfüllt. Bezogen auf den Einkaufsprozess bedeutet dies, dass Phasen 2-4 auf einer Plattform (Amazon) stattfinden. Der Alternativenraum ist auf das Sortiment von Amazon beschränkt. Das relevante Set an Produkten wird durch die Suchsortierung determiniert. Der Nutzer beschränkt sich auf diese eine Plattform, da der Kauf aus Erfahrung komfortabel ist und er das Produkt schnell in den Händen hält.

Für niedrig- bis mittelpreisige Alltagsprodukte kann ich die Entwicklung in meinem persönlichen Einkaufsverhalten bestätigen. Für eine Handyhülle oder ein Buch zu einem bestimmten Thema muss ich nicht lange recherchieren: Produkt in meiner Preisrange mit guten Bewertungen – fertig ist die Bestellung. Für hochpreisige Produkte mit einem hohen Involvement glaube ich noch nicht an einen „Amazon Commerce“. Der Weg dahin ist jedoch mit besser werdendem Content und unabhängigen Testberichten vorgezeichnet.

Was sagen Studien zum Thema „Sucheinstieg beim Kauf“? Egal welche wir anschauen: der Anteil der Nutzer, welche über Amazon in den Kauf einsteigen steigt.

Bildquelle: marketingland.com

Bildquelle: marketingland.com

Die Bloomreach Studie(2015) und der Forrester Report (2013) zeigen, dass (a) Amazon der populärste Einstieg für Produktsuchen ist, (b) dass Suchmaschinen zumindest das Wachstum von Amazon mitgehen konnten und (c) alle anderen verloren haben. Von einem E-Commerce-Suchmonopol sind wir noch entfernt. Wie immer sind solche Studien mit Vorsicht zu betrachten. Die Ergebnisse decken sich aber mit Aussagen von Branchen-Experten.

Was heißt das? In meinen Augen v.a. eine Sache: „Amazon Commerce“ wie von Alex beschrieben ist zunehmend ein normales Einkaufsverhalten.

Dauer des Einkaufprozesses

Ich habe Studien gesucht die Aussagen treffen á la:

  • Durchschnittlich recherchieren Online-Käufer x Minuten vor dem Kauf eines Produktes – der Wert hat sich in den letzten y Jahren um z Minuten verringert
  • Folgende Kanäle werden bei der Informationssuche zu y% verwendet – im Vergleich zu 20xx haben sie sich Kanäle wie folgt verschoben

Leider bin ich gescheitert. Einzelne aktuelle Untersuchungen geben Antworten zu dem Thema, allerdings lässt sich daraus nicht sauber die Entwicklung über die letzen Jahre ableiten.

Zweiter Versuch: Ableitung die aktuelle Marktentwicklung. Schaue ich mir z.B. den Amazon Dash Button an, so glaube ich die Kombination aus 1-Click Checkout mit Abo-Modellen wird in Zukunft noch relevanter. Gerade für low-involvement Produkte ist diese Art der Bestellung ideal. Durch Abomodelle tritt (a) der eigentliche Checkout in den Hintergrund und (b) der Konsum wird im Hinblick auf Ort und Zeitpunkt flexibler. Beispiele: car2go, Hello Fresh und Spotify.

Handlungsempfehlungen für Händler

Zurück zum Ausgangsthese von Prof. Dr. Reinartz:

Kaufimpuls, Erwerb und Konsum verschmelzen heute nicht selten zu einer einzigen Handlung. Der Handel sollte deshalb aufhören, Einkaufen nach wie vor als lineares Phasenmodell zu begreifen, und damit beginnen, den Kaufprozess als simultanen Prozess zu verstehen.

Der bisherige Post legt dar, warum (a) die Entscheidungs-Phasen bis zum Kauf zunehmend auf genau einer Plattform stattfinden und (b) der eigentliche Bestellprozess durch geringe Barrieren in den Hintergrund treten kann. Kurzum: ich folge den Thesen von Prof. Dr. Reinartz und Alexander Graf.

Was heißt das jetzt für Händler? Drei Punkte – von denen ich weiß, dass sie sauschwer in die Praxis umzusetzen sind:

Aufbau von Stammkunden wird Prio #1. Im „Amazon Commerce“ gewinnt die Plattform Amazon – immer, immer, immer! Hohe Wiederholungskäufe = geringe Kundenakquisitionskosten. Alles Geld, was Amazon nicht in der Gewinnung von Neukunden stecken muss, kann in Kundenbindungsmaßnahmen oder Technologie investiert werden. Wie soll ein normaler Händler auf Dauer dagegen halten, wenn er seine Kunden immer wieder einkaufen muss. Richtig, gar nicht!

Daher muss der Aufbau von Stammkunden für Online-Händler Prio #1 sein. Ich weiß – sagt sich leichter, als es sich umsetzen lässt. Es gibt aber Beispiele im Markt: Abomodelle, Private Shopping & Co. sorgen für regelmäßige Umsätze durch Stammkunden. Gerade für Produkte mit hoher Kauffrequenz wie Mode oder Genussmittel eignet sich Modelle dieser Art.

Inspiration wird wichtiger. Ideal ist die folgende Kombination: Kaufbedürfnis online wecken, genug Informationen zur Kaufentscheidung präsentieren und einen einfachen Checkout anbieten. So muss während des Kaufprozesses keine andere Plattformen involviert werden. Keine Plattform Amazon. Dieses Vorgehen eignet sich für eher emotionale Produkte, die wenig vergleichbar sind.

Vor diesem Hintergrund finde ich die aktuelle Aboutyou-Strategie „Fashion Discovery“ smart. Der Shop probiert sich früher im Kaufprozess zu positionieren und nicht nur Erfüllungsgehilfe für den Einkauf zu werden.

Endgeräte, die bereits in unserem Leben etabliert sind, werden zu Interfaces für den E-Commerce. Amazon Dash und Amazon Echo sind erste Vorboten dieses Modells – allerdings vorerst nur für low-involvement Produkte. Es wird nicht jedes Unternehmen in der Lage sein eigene Endgeräte in den Markt zu bringen. Daher heißt es vorerst die Entwicklung beobachten und auf offene Systeme hoffen. Auf diesen dann testen.